Peenemünde

(Bahnhof der Usedomer Bäderbahn)

Fachbereiche: NS-Geschichte, Technik, Ethik

 

Der Ortsname Peenemünde ist wohl jedem geläufig, der auch nur ein wenig Ahnung von der neueren deutschen Geschichte oder der Geschichte der Raumfahrt hat. Es entstehen oft ambivalente Gefühle, wenn man Peenemünde hört - steht der Name doch einerseits für brutale Raketen-Kriegstechnik und Ausnutzung der Arbeitskraft von KZ-Häftlingen und Fremdarbeitern bis zum Tod, andererseits ist Peenemünde erwiesenermaßen die Keimzelle der modernen Raumfahrt, was die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg auch durch die Übernahme der hoch qualifizierten Ingenieure für ihre Zwecke nutzten - Stichwort Wernherr von Braun und viele andere, die dadurch einer möglichen Strafverfolgung entgingen. Peenemünde ist aber allemal einen Besuch wert, sind doch trotz intensivster Bombardierung durch die von den Raketen am meisten betroffenen Engländer große Teile der Raketen-Produktionsstätten erhalten geblieben.

 


Wer einen umfassenden Eindruck vom NS-Raketenbau und den Folgen für die gesamte Region haben möchte, der sollte nicht gleich direkt nach Peenemünde fahren, sondern sich dem Ort langsam nähern - zum Beispiel per Rad - am besten von Karlshagen aus. Dann wird man mit schlimmen Kriegsfolgen konfrontiert, die noch heute nach fast 70 Jahren Angst machen können. Wie das hier: Die ganze ca. 6 km lange Strecke von Karlshagen bis Peenemünde ist von schönem Mischwald bedeckt. Durch diesen führt der geteerte Fahrradweg - und vorbei an Schildern im 50 m-Abstand, die das Betreten des Waldes verbieten. Grund: Lebensgefahr durch mögliche Munitions- und Bombenrückstände im Waldboden Wir sehen diese traurigen Schilder und versperrte Wege bei einer Fahrrad-Kamerafahrt. Auch am breiten und trotzdem viel besuchten Strand gleich gegenüber des Waldes stehen Schilder, die vor Phosphor-Rückständen im Wasser warnen, die man als solche nicht erkennen kann. Das vielleicht einzig Gute daran ist, dass somit den Kindern und jungen Leuten plastisch vor Augen geführt wird, welche schlimmen Folgen ein Krieg hat. Noch schlimmere Folgen werden einem dann in den noch erhaltenen Produktionshallen der V2 und anderen Raketen vor Augen geführt. Hier sieht man nicht nur die verschiedenen originalen tödlichen Waffen in oder vor den Fertigungsstätten, sondern wird in einer sorgfältig gestalteten Dokumentation mit Filmraum auch über die schrecklichen Folgen informiert - nicht nur für die beschossenen Feindziele, sondern auch die vielen Tausend KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, die hier und in anderen Produktionsstätten unter unmenschlichen Bedingungen ums Leben kamen. Absurd, aber dennoch irgendwie erstaunlich: Die hohe, mit vielen Fenstern versehene sogenannte Turbinenhalle ist von den Bomben nicht zerstört worden und dient heute wegen der einzigartigen Akustik auch bekannten Dirigenten als Konzertsaal. Ob auch alle dort auftreten wollen, ist nicht bekannt.

 

Gespenstisch auch das riesige ehemalige Kesselhaus mit einem Gewirr von Rohren, Leitungen und Stahlträgern - aber keine Kessel mehr. In der Halle, innen hoch und extrem still wie eine große Kirche, hört man nur das Gezwitscher von Vögeln, die irgendwo zwischen den rostenden Stahlteilen Platz für ihre Nester gefunden haben. Die Kamera kann diese bedrückende Atmosphäre trotzdem etwas einfangen. -Verlässt man Peenemünde wieder, kommt man an einem Hinweisschild vorbei, das den Weg zu einem Schullandheim zeigt. Dabei liegt dieser Gedanke dann nah: Wer hier mit seiner Klasse oder Gruppe einige Tage verbringen darf, hat neben dem Erlebnissen am Strand auch viel für sein späteres Leben und die Wichtigkeit des eigenen Einsatzes für den Frieden gelernt.

 


LESEN: Walter Dornberger war der letzte Kommandeur von Peenemünde ab dem Jahr 1943. Er hat alles bis zum Kriegsende Erlebte auf über 300 Seiten niedergeschrieben und sich dabei sehr um Objektivität bemüht. Das Buch mit dem Titel „Peenemünde - die Geschichte der V-Waffen“ dient allen sehr, die sich nach dem Besuch eine umfassende Insider-Information ohne politischer Schlagseite wünschen.