Sellin auf Rügen

(in Binz umsteigen auf die Rügener Bäderbahn RBB)

Fachbereiche: Neue Geschichte (das Luxusleben der DDR-Prominenz), Architekturgeschichte (Bäderarchitektur-Straßenensemble mit Seebrücke), Eisenbahn-Technik


Wer durch das Seebad Sellin an der Ostküste Rügens flaniert, wird an einem der vielen Verkaufsstände eine Ansichtskarte von Sellin finden, die nur ein herrlich gelegenes schneeweißes großes Gebäude zeigt. Dies in Alleinlage direkt am Strand, umgeben von Wald auf einem Hügel, nur mit einer Zufahrts-, aber keiner Durchgangsstraße und als Draufgabe noch ein Binnensee dahinter. Bei dieser Größe kann das ja nur ein Hotel sein, das nach der Wende mit viel Kapital dorthin geklotzt wurde, denkt man sich. Dass es ein Hotel ist, stimmt auch, wenn man die Karte umdreht. "Cliff-Hotel" steht da - und das ist eines der besten und zugleich teuersten Hotels der Insel. Was aber nicht auf der Karte steht, ist interessant und äußerst aussagekräftig für die jüngere deutsche Geschichte: Dieses Hotel wurde schon in der DDR-Zeit gebaut und sah alle Größen des Politbüros von Honnecker und Co. bis zu den Besuchen von Castro oder Breschnew. Alles gebaut aus den teuersten Materialien und geplant vom damals besten Architekten Mies van der Rohe. Die neuen Inhaber nach der Wende brauchten also fast nichts zu tun, um sich den westlichen Ansprüchen anzupassen. Spannend, einmal mit der Filmkamera auf Honnys Spuren zu wandeln, auf der Hotelterrasse einen Tee zu trinken, am Empfang und schönen Räumen vorbei in den rückwärtigen Teil mit Seeblick zu gelangen.

 

*Bitte beachten: Die am Ende des Films gezeigten YouTube-Bilder haben nichts mit der Initiative "Trips mit Grips" zu tun.


Den schönen Weg runter zum Strand braucht man nicht zu laufen - dafür hatten die Herren des einfachen "Bauern- und Arbeiterstaates" einen eigenen Aufzug, der noch heute so wie damals läuft. Eigentlich sollten hier Schulklassen im Zuge eines anschaulichen Geschichtsunterrichts freien Zutritt inklusive Strandbenützung haben. Dafür bräuchten die Lehrer aber den codierten Schlüssel für das Öffnen der Stahltür zum Strand, die alles hermetisch abriegelt, diesmal nicht für den Polit-, sondern den Geldadel.

 

Sehenswert und bei guter Kasse vielleicht auch einmal übernachtenswert für alle, die geschichtlich einen besseren Durchblick haben wollen. Nebenbei: Wir sehen hier im Film das Wort" Weitblick" auf einem Fensterglas des Aufzugturms. Ob die damals hier residierenden Funktionäre schon ahnten, dass dieser ihnen total fehlte? - Sellin hat wie Binz nebenan oder die Königsbäder auf Usedom (siehe dort) ebenfalls viele schöne Beispiele der Bäder-Architektur, die seit Beginn des Badebetriebs im 18. Jahrhundert entstanden. Schöne, verspielt und verschnörkelt gebaute Ferienhäuser, die sich wohlhabende Gäste von ihren Architekten hier bauen ließen. Dass sich diese gegenseitig mit ihren baulichen Einfällen wohl oft überbieten wollten, zeigt die Tatsache, dass fast kein Haus dem anderen gleicht. Sellin bietet hier eine Besonderheit: Die zur Seebrücke führende "Wilhelmstraße" ist ein lückenloses Emsemble der Bäderarchitektur, praktisch ein Freiluftmuseum mit viel Innenleben als Hotels, Pensionen, Apartment-Häuser oder Privatbesitz.

 

Höhepunkt und Endpunkt dieses Spaziergang ist dann die Selliner Seebrücke, wobei nicht die Brücke selbst gemeint ist, sondern die von vielen Besuchern von oben am Hang aus bewunderten herrlichen Gebäude, die auf den Brückenanfang gesetzt wurden und heute Restaurants, Läden und auch Mutigen die Möglichkeit bieten, sich auf der Brücke trauen zu lassen.

 

Sellin ist wichtige Station der Rügener Bäder-Bahn (RBB), im Volksmund wegen seiner Durchschnittsgeschwindigkeit der Dampfloks und nostalgischen Wagen von 30 km/h auch "Rasender Roland" genannt. Er fährt Sommer wie Winter nach Fahrplan und bietet Umsteigemöglichkeiten in die Züge der DB und einer anderen Privatbahn in Binz und Putbus. Hier im Film ist der rege Betrieb auf den Bahnsteigen zu sehen, wobei sich zwei Züge mit Freiluft-Aussichtswagen ohne Fenster und Dach begegnen und wir mal einen Blick ins Innere werfen können. - Weiter noch viele schöne Filmbilder von der Umgebung, Strand, Binnensee, Fahrradwegen, Freibad und Schlittschuh-Laufbahn im Winter.



LESEN: Ein Buch über die Bäder-Architektur ist unter "Bansin" (Usedom) zu finden.